Ich bin wieder da!

Ich habe heute meinen 2. Arbeitstag geschafft. Und ich bin so erleichtert, dass sich sämtliche Gedanken, die ich mir zusammengesponnen habe, nicht erfüllt haben.

Meine Kollegen sind nett, sie freuen sich, es ist genug Arbeit da – auch coole neue Projekte für mich, ein paar meiner alten bekomme ich wohl auch wieder. Es ist noch ungewohnt, aber es ist gut.
Ich merke nur, dass ich noch sehr langsam bin und noch im Klinik “nimm-dir-deine-Zeit”-Tempo und nicht in dem jetzt erforderlichen Agenturtempo. Aber auch das wird.

Und das Beste war ein Kollege, den ich sehr mag – der aber nicht zu meinem Team gehört und somit auch nicht über den genauen Grund meiner Abwesenheit informiert war. Jedoch ein treuer Instagram-Follower. Dort habe ich zumindest immer mal wieder Andeutungen gemacht. Er begegnete mir gestern morgen im Flur und hieß mich willkommen. Und er fragte: “Geht’s dir wieder gut?”. Schwierige Frage, Ich hasse es zu lügen, möchte aber auch nicht jedem alles preisgeben. Ich antwortete also mit einem Lächeln “Es geht besser.” Für mich war alles gut. Ich war auf solche Floskeln vorbereitet. Die meisten trauen sich ja doch nicht, wirklich nachzufragen.

Umso überraschter war ich über eine Mail, die ich 30 Minuten später erhielt:

Hi XXX,
ich wollte mich kurz für die Frage vorhin entschuldigen: Geht es Dir wieder gut.
Das hat mich danach richtig geärgert, denn ich weiß selber, dass das nicht unbedingt so ist, nur weil man wieder arbeiten ist. Das ist mir einfach wie eine Floskel so rausgerutscht. Umso stärker deine Antwort, dass es besser ist. Ich wollte dir eigentlich schon in den letzten Wochen schreiben, dass ich toll finde, wie offen Du mit manchen Dingen umgehst. Ich selber bin da viel zurückhaltender und man macht sich viele Dinge dadurch schwer und muss sich verstellen. Soll heißen, ich kenne viele Probleme leider nur zu gut und feier dich sehr dafür, dass du die Themen so angehst.Ich hoffe die Mail ist jetzt auch nicht zu persönlich, aber mir ist das seit langem ein Bedürfnis und dann war blöde Frage der endgültige Trigger dir mal zu schreiben.
Grüße von oben
XXX

Daraus ergab sich ein kurzer und sehr persönlicher Mailwechsel. Und die Erkenntnis wie viele von “uns” es gibt. Das war bisher mein bester Büromoment – auch, wenn er nicht direkt arbeitsbezogen war. Es zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin und dass auch darüber reden kein Fehler ist.

Neustart – 15 Wochen psychiatrische Klinik

Wow! Meine Einweisung in die psychiatrische Tagesklinik ist 15 Wochen her.
– Station A für instabile Persönlichkeiten.

Ich war nach meiner Trennung im letzten Jahr gelinde gesagt am Ende. Ich war suizidal und hätte ohne meinen Job und mein Crossfit wahrscheinlich die Wartezeit für die Aufnahme in die Tagesklinik nicht überlebt. Es war hart an der Grenze. Sinnlosigkeit war mein persönlicher Begleiter. Jederzeit und immer da.

Seit dem 11. Dezember ging ich dann täglich und ohne auch nur einen Ausfalltag in die psychiatrische Tagesklinik. 8 Wochen hatte ich warten müssen bis zur Aufnahme. Das ist eigentlich für deutsche Verhältnisse recht kurz – und dennoch unfassbar lang, wenn jeder Morgen, jedes Aufstehen und der gesamte Alltag eine Belastung sind und man jeden Tag (oftmals im Minutentakt) hinterfragt, wieso und ob man das Ganze überhaupt noch mitmachen will, ob es nicht einfacher wäre aufzugeben und auszusteigen.  Aber ich habe es durchgezogen. Dank lieber Freunde, Dank einer Struktur durch Job und Training, die nicht viele in meiner Lage haben oder aufrecht erhalten können. Ich habe es geschafft. Es geht mir besser. Es ist noch ein weiter Weg mit ambulanter Therapie und vielen alltäglichen Kämpfen. Aber ich bin noch hier und ich bin auf dem Weg.

15 Wochen in der Klinik, die unbeschreiblich anstrengend waren.

Ich hatte es seit über einem Jahr vermieden, alleine zu sein, war ständig unterwegs, tat alles um mich nicht mit mir und meinen Gefühlen zu beschäftigen. Nach einer so langen Zeit ohne wirklichen Kontakt zu meinen Emotionen war es mehr als schmerzhaft, diese wieder zu finden und zu durchleben. Aber es ging. Ich arbeitete so hart es mir möglich war. Ich lernte Menschen kennen, die ähnliche Probleme hatten, wir stützten uns jeden Tag gegenseitig. An vielen Tagen nach der Klinik war ich erschöpfter als nach einem normalen Arbeitstag.
Ich wurde mit deutlich erkennbaren Fortschritten entlassen und bin froh und dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte. Mein Kampf ist noch nicht zu Ende und ich werde noch lange Therapie(n) machen. Ich kenne meinen Sinn immernoch nicht, aber ich glaube, dass mein Leben tatsächlich einen hat und ich noch auf dieser Erde bleiben will.

Und nun sitze ich an meinem Schreibtisch.

Einen Tag vor dem Neustart in meinen alten Job, mit den alten Kollegen. Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich fachlich hinterherhinke, nicht mehr zum Team dazugehöre und vor allem habe ich Angst, dass meine Klinikzeit, die mir die Welt bedeutet, vergessen wird. Ich habe Angst, dass ich wieder Teil einer Welt werde, in der psychische Krankheiten kein Thema sind und in der man einfach funktionieren muss und bloß kleine “Befindlichkeiten” aufkommen. Ich möchte das nicht. Mit dem Neustart morgen beginnt vielleicht auch das Vergessen. Ich will nicht vergessen. Mir ist wichtig, dass die Menschen, die das Leid mit mir teilten, Bedeutung behalten, dass wir nach und nach nicht mehr als Minderheit angesehen werden (denn leider gibt es viele von uns), dass es ok wird, über psychische Krankheiten zu reden und dass wir Gehör finden.

Solltet ihr Ideen haben, wie ich weiterhin unseren Kampf weiterführen und für mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft sorgen kann, lasst es mich gerne wissen. Wenn ihr selbst Probleme habt: bitte seid nicht zu ängstlich, Hilfe zu suchen. Ihr seid nicht alleine. Und es geht weiter!